Den Demokraten ins Stammbuch

Der Wähler hat gesprochen, der Nicht-Wähler es unterlassen. Ob seine Motive gerechter sind als die des Wählers, weiß keiner. Ob dessen Einfluss auf die Hochschulpolitik wirklich kleiner ist, ist zu bezweifeln.
Es soll vorgekommen sein, daß selbst Kandidaten einer Hochschulgruppe versäumen, zur Wahl zu gehen. Beim unpolitischen wie politischen Studenten gleicht sich der Grund. Der Studentenpolitiker aber weiß aus eigener Erfahrung, wie machtlos das studierendenparlamentarisch geformte Produkt, der AStA, wirklich ist.

Der Studentenpolitiker ist eine traurige Figur. Im Wahlkampf übertreibt er die Macht des AStA maßlos, um das öffentliche Interesse an seinem winzigen Einfluss zu erhalten. Das Rektorat, welches den AStA im Spannungsfall suspendieren darf, tut sein Bestes, den Stundentenpolitiker in diesem Manöver zu bestärken.
Dem Studentenpolitiker bleibt die „konstruktive Kritik“, also die Einheit von Nörgelei und Unterwürfigkeit, die an guten Tagen das Ohr und die Gunst des Rektors erreicht.

Rektor Fohrmann ist ein rechtschaffender Mann. Er ist der lebendige Ausdruck eines Absolutismus, der sich sorgsam verleugnet. Fohrmann untertreibt seine Macht maßlos, um das ständische Verlangen der Professoren und die demokratische Selbsttäuschung der Studentenpolitiker gleichermaßen zu bedienen. Er glaubt tatsächlich, dass er herrscht, weil er mit allen spricht, gleichwohl alle mit ihm sprechen, weil er herrscht. So entsteht ein produktives Missverständnis; sein Produkt ist die Universität Bonn.
Der Absolutismus mag längst überholt sein, die wesentlich aus professoralen Kleinstfürstentümern zusammengesetzte Universitätslandschaft kennt und schätzt ihn noch; der akademische Absolutismus wird symbolisch abgefälscht durch eine Legislative, deren ständische Gliederung in Professoren, wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Mitarbeiter nebst Studierenden das Gegenteil einer repräsentativen Vertretung der Universitätsmitglieder besorgt.
Der auf- und abgeklärte Studentenpolitiker hat sich folglich dem hofschranzigen Geist der Universität anzuähneln. Einflüsterung, Verlockung und Intrige sind seine Methoden, sein Erfolg studierendenfreundliche Entscheidungen, die der Rektor als vernünftigen Konsens ständischer Beratung verkünden kann.

Der demokratische Studentenpolitiker dagegen lebt im Irrtum, die Politik der Universität finde maßgeblich in der Legislative statt, wo diese nur ihr nicht einmal schönes Ornament ist. Entsprechend unschön blamiert sich der Irrende im Namen der zur Randgruppe verdammten quantitativen Mehrheit. Das kann man beobachten auf den Sitzungen des Senats, der Fakultätsräte und besonders auf seinem demokratischen Spielplatz, dem Studierendenparlament. Einzig an seinen Mitstudierenden darf er ungestraft seine vernunftleeren Transparenz-Forderungen ausleben, deshalb bekämpft er den AStA, wenn der zur Abwechslung wirklich regieren will und bekämpft bramabasierend seine Ahnung des wirklichen Machtgefüges, die sich beim aufgeklärten Studentenpolitiker längst zum praktischen Wissen verfestigt hat. Ich möchte hier keine Namen nennen, sonst fiele in der Rückschau mein eigener.

Das alles ist kein prinzipieller Einwand gegen die Demokratisierung der Universität. Nur ist Demokratie kein Orakel, sondern ein Spiegel subjektiver Äußerungen. Und so lange diese bei den Studierenden ähnlich vernunftlos ausfallen wie bei ihren Vertretern, die entweder auf die Verschleierung oder Vertiefung ihrer institutionalisierten Machtlosigkeit bauen, so lange wird das Hofschranzentum der sittlichste Politikstil bleiben.

Der Studentenpolitiker, dessen traurigste Erscheinung der bramabasierende Studierendenparlamentarier ist, hat über die Nicht-Beteiligten an der SP-Wahl zu klagen nur Recht, wenn er anzugeben weiß, wie und zu welch vernünftigem Zwecke eine höhere Wahlbeteiligung die studentische Macht – und nicht nur seine eigene – beförderte. Der Nicht-Wähler, dessen glücklichste Erscheinung der ernüchterte Studierendenparlamentarier ist, hat über den Studentenpolitiker zu klagen jedes Recht, wenn er anzugeben weiß, wie Aufklärung und Demokratie an der Universität eine glückliche Ehe schlössen.

Der Autor ist ein ehemaliges Mitglied der LUST.