Mythos „Trümmerfrau“

Einiges an Aufruhr herrscht zur Zeit innerhalb der Geschichtswissenschaft. Bei einer vom AStA organisierten Veranstaltung am 5.7. ließ sich herausfinden, warum: eine nationale Projektionsfigur der Deutschen kommt abhanden, die Trümmerfrau. Anfangs wollte Dr. Leonie Treber nur die Geschichte der Trümmerfrauen aufschreiben. Als sie zu forschen beginnt, stellt sie fest: es gibt sie gar nicht. Zumindest nicht so, wie sie dargestellt worden ist, im Mythos „Trümmerfrau“, wie sie in unzähligen Oral History-Projekten von Zeitzeug_innen beschworen, in Spielfilmen zur Nachkriegszeit im Hintergrund Steine schleppt und in eigentlich wissenschaftlichen Arbeiten als diejenige gefeiert wird, die selbstlos Deutschland wieder aufgebaut habe. Nur stets ohne gültige Fußnoten.

Treber nennt drei zentrale Mythen: den von ihrem Auftreten zur Stunde Null, den vom Altruismus der Trümmerfrauen, und den vom Massenphänomen. Keiner stimmt. Die Trümmerbeseitigung war ein seit 1940 einsetzender organisatorischer, immer weiter ausgreifender Prozess. Aufräum- und Bergungsarbeiten wurden natürlich seit den ersten Bombardements auf deutschem Territorium begangen – und zwar als Strafarbeit, organisiert von unterschiedlichen Organisationen des NS-Staats, vom Reichsarbeitsdienst bis zur SS. Ende 1942 wurden die eingesetzten Häftlinge dann durch KZ-Insass_innen ergänzt, für die man im ganzen Reich Außenlager einrichtete. Ihre Arbeitsleistung, die auch ein Instrument ihrer Vernichtung gewesen ist, ist vollkommen unsichtbar im Diskurs um den Wiederaufbau.
Das Prinzip der Strafarbeit jedoch setzte sich über das Kriegsende hinaus fort: nur mit verkehrten Rollen. Die Besatzungstruppen zwangen nun in den eroberten Orten Mitglieder und Funktionäre der NSDAP und anderer NS-Organisationen und ergänzten sie durch deutsche Kriegsgefangene. Als jedoch auch diese Kräfte nicht ausreichten, griffen die Stadtverwaltungen und andere Institutionen auf eine überraschende, bewährte Technik zurück, Menschen zur Arbeit zu bewegen: Lohnarbeit. Gesellschaften zur Räumung und Verwertung von Trümmern entstanden, Großgerät von deutschen und auswärtigen Baufirmen kam zum Einsatz und die Behörden riefen die Bevölkerung auf, teilweise freiwillig, meist aber gegen Lohn in Form von verbesserten Rationierungen, die Arbeit aufzunehmen. Die Aufrufe ergingen meist nur an Männer, nur teilweise an Frauen und Männer zugleich: Frauen wollte man die schwere körperliche, männliche Arbeit in Einklang mit dem herrschenden Frauenbild nicht zumuten. In Berlin arbeiteten zur Hochzeit 25.000 Frauen und 10.000 Männer an den Trümmern – bei 500.000 Frauen im arbeitsfähigen Alter. Ein Massenphänomen sieht anders aus. Der Mythos vom Altruismus der deutschen Frau, der das Andere Deutschland als Erfolgsgeschichte markieren sollte, er ist eine Erfindung.

Aber wie ist er entstanden? Wie konnte eine Arbeit, die als Strafarbeit für Männer verstanden worden ist, in eine weibliche, altruistische Aufopferung für das Kollektiv umgedeutet werden? Leonie Treber ist in ihren Nachforschungen auf eine regelrechte Medienkampagne gestoßen, allerdings nur in der Sozialistischen Besatzungszone – hier trennen sich die Geschichte der DDR- und der BRD-Trümmerfrau in völlig konträre Bilder. In Frauenzeitschriften im Osten wurde das Bild der arbeitenden, aber trotzdem weiblichen Frau im Einklang mit der realsozialistischen Variante der Gleichstellung der Geschlechter etabliert. Der Mythos des Altruismus ist eine von oben gelenkte Medienlüge gewesen: Die Zeitschriften taten so, als würden sie bloß beschreiben, was sie in Wirklichkeit auslösen wollten. Ende 1946 wird aus aus der Bauhilfsarbeiterin und der Schipperin die „Trümmerfrau“. Sie avanciert zu einer Ikone des Sozialismus, ihre Denkmäler verbreiten sich später über das gesamte Gebiet der DDR. Ihre Geschichte ist eine in die leuchtende Zukunft verweisender, tapferer Anfang des Aufbaus des Sozialismus und wird ein nicht wegzudenkender Teil der offiziellen Staatsideologie. Und im Westen? Hält man am NS-Frauenbild fest und schmäht propagandistisch die neuen Rechte der Frau als Arbeitszwang zu einer männlichen Plackerei, die einem zarten, weiblichen Wesen nicht würdig sei. Nur in Westberlin gibt es ein abweichendes Bild, es werden Verdienstkreuze verteilt, 1955 entsteht das Westberliner Trümmerfrauen-Denkmal: eine ikonographisch in die harte Vergangenheit gerichtete, wenig weibliche Darstellung, ganz anders als der Trümmerfrauen-Mythos der DDR. Wie aber lassen sich drei unterschiedlicher kaum vorstellbare Imaginationen der „Trümmerfrau“ in einen „gemeinsamen Erinnerungsort“ einmünden, wie Treber den Prozess Anfang der 90er Jahre beschreibt? Eine entscheidende Rolle kommt hier den Hobby-Geschichtsschreiberinnen der neuen Frauenbewegung in Westdeutschland zu, die aus ihrem ersten Reflex heraus, eine Geschichte ihrer Mütter und Großmütter zu schreiben und unter ihnen Vorbilder zu suchen, fragwürdiges geleistet haben. Sie sind dabei aus mangelnder Professionalität und wissenschaftlicher Unkenntnis eine unheilige Allianz eingegangen, die bis heute spürbar ist, wenn Akteurinnen der Frauenbewegung der 70er und 80er Jahre in ZDF-Dokumentationen über die unschätzbare Leistung der Trümmerfrauen in die Kamera jubeln dürfen. In ihrer feministisch-pazifistischen Wahrnehmung sind Krieg und NS männlich codierte Phänomene, denen sie die Kontinuität weiblicher Aufopferung für die Familie und die Gesellschaft als Würdigung ihrer Reproduktionsleistung entgegensetzen wollten. Ohne es zu merken, wiederholten sie dabei die Vorstellung von der Frau als unpolitischem, gegenüber Ideologien tendenziell immunem, moralisch besserem Wesen – und übersahen nicht zuletzt die NS-Verwicklung der Frauen, die von den Alliierten zur Arbeit gezwungen worden waren, weil sie sich im NS-Staat aktiv beteiligt hatten.

Dann kam die Rentendebatte: um Altersarmut unter Frauen zu verhindern, diskutierte man in der BRD die Einführung eines Rentenjahres für die Kindererziehung – mit einer Stichtagsregelung für das Jahr 1921. Dies provozierte den Widerstand unter den Frauenbewegten aller Schattierungen, die beklagten, die Trümmerfrauen hätten Deutschland wiederaufgebaut und würden nun per Stichtagsregelung aus dem Reichtum ausgegrenzt, den sie selbst mit angehäuft hätten. Es gibt Klagen vor deutschen Gerichten und mit einem entsprechenden Urteil verschmelzen diskursiv die Frauen, die durch ihre Geburts- und Erziehungsleistung Anteil am Allgemeinwohl hätten, mit den „Trümmerfrauen“ der Nachkriegszeit. Seit den 80er Jahren sind im Westen demnach (fast) alle Frauen „Trümmerfrauen“, der Begriff avanciert zur Beschreibung einer ganzen Frauengeneration. Kurz vor der Wiedervereinigung stellt sich damit, so Treber, eine Kompatibilität der beiden deutschen Trümmerfrauen-Mythen ein, eine Grundbedingung für das heute vereinigte Narrativ von der deutschen Trümmerfrau, das sich seit den 90ern auch beim bundesweiten Bau neuer Denkmäler nicht an der historischen Faktenlage stört, die in den jeweiligen Stadtarchiven schlummert. Mangels Trümmerfrauen erfinden die Deutschen sie, z.B. 2003 in Jülich durch eine „Erinnerungsgemeinschaft“ der Kriegskinder oder zuletzt 2013 in München. Als im Dezember desselben Jahres zwei Politiker_innen der Grünen auf die braune Vergangenheit der angeblichen Münchner „Trümmerfrauen“ aufmerksam machen, kochen die Emotionen hoch. Binnen kürzester Zeit erhält die neue Münchner Facebookgruppe „Ehrt die Trümmerfrauen“ 20.000 Follower, es darf munter Geschichtsrevisionismus betrieben werden und die beteiligte junge Grünen-Politikerin wird mit Morddrohungen überschüttet. Deutlich wird: die Trümmerfrau ist nicht nur ein jeglicher Faktenlage entbehrender Mythos der Deutschen, sie ist eine nationale Figur der Identifikation der Deutschen mit sich selbst. So erklären sich auch die zutiefst emotionalen, jeglicher Sachlichkeit oder Faktenorientierung entbehrenden Reaktionen auf die „MythBusters“ der deutschen Geschichte: ob in München zur „Trümmerfrau“, in Dresden zur Bombardierung des angeblichen „Elbflorenz“ oder zur Wehrmachtsausstellung (Mythos „Saubere Wehrmacht“) in Berlin.