Macker Police

Dass Jungmänner den Blockwart im öffentlichen Raum spielen, ist nichts Neues. Das Entsetzen über die Sharia Police offenbart eine bittere Doppelmoral, denn die Polizei, die in Tannenbusch seit Jahren über Rocklänge und Absatzhöhe wacht, die rumlungernden Männerbanden, haben dieser Moral nie wehgetan. (Aus dem aktuellen Faultier, der neuen Bonner Stadt- und Studierendenzeitung)

Eine Randmeldung war es wert, man hatte Flyer mit dem Aufdruck „Sharia Police“ im Bonner Stadtteil Tannenbusch entdeckt. Erst als die jungen Salafisten durch die Innenstadt zogen, um Passant_innen mit ihren Moralvorstellungen aus dem 7. Jahrhundert zu belästigen, war ihnen die gewollte Empörung sicher. Dass Neu-Tannenbusch, der Stadt vorgelagerte Hochhausschluchten mit verdreckten Spielplätzen und verbrannten Kunststoffresten an Mauerecken – Überbleibsel von angezündeten Müllcontainern – Brutstätte des hiesigen Salafismus ist, sollte eigentlich klar sein: der Bombenleger vom Bonner Hauptbahnhof, Marco G., lagerte in seinem Kühlschrank unweit des Tannenbusch-Center seinen Sprengstoff. Bevor in Bad Godesberg eine Horde Salafisten der Auffassung war, sich wegen ein paar Karikaturen zur Affektivität einfallender Normannen regredieren zu dürfen, stand sich ein erheblicher Teil der Krieger Allahs in lächerlichen Klamotten und um den Kopf gewickelten Kufiyas an den Gleisen von Tannenbusch Mitte die Beine in den Bauch. Und am Supermarktregal im Einkaufszentrum 50 Meter weiter begegnet man täglich dem weiblichen Teil von Familien, der kollektiv hinter einem einheitlichen schwarzen Niqab verborgen Lebensmittel ranschafft; mit Gesichtsschleier bis unter die Augen und schwarzen Handschuhen. In Tannenbusch spielt sich das Drama ab, das sich nun mal vollzieht, wenn sich rassisierende soziale Ausgrenzung, bauliche und soziale Enge und eine Kultur von familiärem Sexualtabu und Triebunterdrückung in eilig aufgezogenen Hochhäusern zur Verwahrung vor den Toren der Stadt treffen.

Gemein ist den Salafist_innen etwa mit den Evangelikalen, aber auch mit Eso-Sekten, autoritären K-Gruppen oder dem Frühchristentum die zentrale Stellung des Erweckungserlebnisses in der individuellen Biographie, das die neue Identität begründen soll. Der_die Erweckte ist passiv und wird durch die Barmherzigkeit einer religiösen oder politischen Autorität unrealistischerweise aus dem zuvor sündhaften, falschen Leben „befreit“, muss sich aber unterordnen. Der Kirchenvater Augustinus (4. Jhdt.) etwa berichtet in seiner Autobiographie u.A. von seinen polygynen Ausschweifungen, ehe er in einer Kinderstimme Gottes Wort zu erkennen glaubt: tolle lege, nimm und lies. Er nimmt die Bibel, schlägt sie, so der Mythos, auf und beginnt gleich dort in den Paulusbriefen zu lesen: „Nicht in Fressen und Saufen, nicht in Wollust und Unzucht, nicht in Hader und Neid, sondern ziehet den Herrn Jesus Christus an und pflegt das Fleisch nicht zur Erregung eurer Lüste“. Der Erweckte verzichtet auf Ehe, Sex und Beruf und verschreibt sich dem religiösen Leben. Auch Marco G. blickt auf so eine Karriere zurück: Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, Körperverletzung, Widerstand, räuberische Erpressung. Eine Sozialstudie Ende der 20er Jahre in Deutschland (Fromm u.A.) konnte zeigen, dass ein erheblicher Anteil der Anhänger_innen der KPD eine komplett widersprüchliche Persönlichkeisstruktur mit sich rumschleppte: zu progressiven politischen Idealen, zu denen sie sich bekannten, kam eine von der KPD-Spitze zumindest nicht offen vertretene extrem autoritäre Haltung zu Familie, Erziehung, Geschlechterrollen und Sexualität. Diese autoritär-rebellischen Charaktere sehnten sich nach Unterwerfung unter ein Gesetz und eine soziale Hierarchie, die ihnen die Weimarer Republik nicht bieten konnte. Als die Nationalsozialist_innen neue, stärkere Autoritätssymbole präsentierten und die verzwickte Moral von Sexualität und Familie der autoritären Rebell_innen zur Tugend adelten, schwenkten sie durch das komplette politische Spektrum herüber, möglich gemacht durch die sexualmoralische Nähe der Milieus und mit fatalen historischen Konsequenzen.

Die verhinderten Wächter mittelalterlicher Sittlichkeit haben mit ihren Kumpels vor der U-Bahn-Halte, die sich so gar nicht halal verhalten, weit mehr zu tun als ihnen lieb ist. Wenn auf dem Tannenbuscher Platz vor dem Einkaufszentrum und der U-Bahn-Station Tannenbusch Mitte junge Familien kreuzen, die ihre 4jährigen (!) Töchter bereits unter einem Higab verstecken (die Verführungskunst wird immer jünger), während nur 15 Meter weiter eine Bande von Jungmännern die Rolltreppe zu den Gleisen belagert, um vorbeikommende junge Frauen ohne Higab mit sexualisierten Kommentaren zu belästigen, verbildlicht sich die Nähe dieser Milieus. Die Omnipräsenz von Sexualität im öffentlichen Raum entspricht hier dem Tabu der sexuellen Aufklärung in der 45-Quadratmeter-Familienwohnung, mit oder ohne muslimisch tradierter Sexual- und Schuldmoral. Und wenn Higab tragende junge Frauen von eben diesen Männern nicht mehr mit „Ey Schlampe du sieh’s geil aus“ begrüßt werden, sondern gleich einen Verfolger am Hals haben, der sie bedrängt, warum sie etwa so spät noch alleine unterwegs und wo denn ihr Freund oder Ehemann sei, kristallisiert sich die Ambivalenz der jungen Männer dieses Milieus heraus: Zwischen der familiären Enge im Hochhausappartment, die Triebunterdrückung schon aus räumlichen Gründen erzwingt (schon mal versucht zu masturbieren, wenn Mama hinter ein paar Zentimetern Beton schläft?), der vermeintlichen Entspanntheit deutscher Sexualkultur (Werbung, Filme, Kleidung, serielle Monogamie, Sexualität als Lebenslust etc.) und den Schuldvorwürfen der kulturell-moralischen Versatzstücke muslimischer (wie auch abendländischer) Prägung dekompensiert das geschundene Individuum seine sexualmoralischen Konflikte sadistisch durch die Kontrolle des von Schlampen bevölkerten öffentlichen Raums, die in dieser Logik ständig ihren Körper präsentieren, aber für die Ausgegrenzten dieser Gesellschaft doch stets unerreichbar bleiben. Die Schwestern und Cousinen gehören zu den Bildungsaufsteiger_innen in Deutschland, sie ziehen triumphierend an den Jungs vorbei und aus der elterlichen Wohnung aus.

Eine solche Logik trifft nicht nur auf Menschen unter muslimischem Einfluss zu: die knüppelschwingenden Neonazibanden ostdeutscher Provinz samt sozialem Umfeld, die gleichsam in ihrer Langeweile ersticken, beweisen täglich das Gegenteil dieser populären Annahme. Auch sie stellen eine enttäuschte, marginalisierte Männlichkeit dar, die den ihr versprochenen Thron über Ehefrau und gemachtem Heim mittels Karriere jeden Tag verfehlt. Die Verlierer_innen der Ethnisierung sozialer Probleme im Kapitalismus aber, dieses Reserveheer der schlecht Ausgebildeten, im Schulsystem Ausgesiebten und Arbeitslosen, das sein Dasein in Vorstädten wie Tannenbusch zu fristen hat, drückt nicht bloß den Preis der Arbeit: es befriedigt auch noch die Distinktionsbedürfnisse der sich „biodeutsch“ wähnenden Mittelschicht und bietet Anlass noch für den letzten Dorftrottel, der in der achten Generation unterm Kölner Kurfürsten bzw. Erzbischof lebt, seine Selbstzweifel dadurch beruhigen zu können, dass es noch Bodensatz unter ihm gibt. Diese Menschen sind tagtäglich dem Rassismus der Mehrheit und ihrer Kettenhunde ausgesetzt. Mit der konservativen Welle der Abwehr dieses Rassismus durch Re-Identifizierung mit Umma, Religion und Kultur, die seit einigen Jahren in ganz Europa zu beobachten ist, mit jedem „wallah!“ am Ende eines Satzes, das das gute alte „’schwör auf meine Mudda!“ ersetzt hat, schwimmen die Islamist_innen obenauf. Der hiesige Salafismus, das europäische Pendant zum international erstarkenden Dschihadismus, jedes auf den Handys der Kids kursierende Splatter-Foto, das die Hamas aus dem Krankenhaus oder der IS von einem Graben bei Rakkah verbreitet und in den trostlosen Vororten der deutschen Städte seinen dankbaren Resonanzraum findet, spitzen diese Entwicklung seit einigen Jahren gefährlich zu. Wo der eigene Vater kulturell als familiäre Autorität vorgesehen ist, diesen Platz aber aus genannten Gründen nicht einzunehmen vermag, liegt die Suche nach einer neuen, potenteren Autorität nahe. Der deutsche Salafismus-Prediger Pierre Vogel, ein Konvertit, kommt immer wieder gern nach Tannenbusch zurück, um hier Jugendliche in seinen urkomischen wie dennoch bitterernsten „Street Dawah“-Videos vom radikalen Islam zu überzeugen:
Vogel: Jede Religion sagt von sich selber: wir sind der wahre Weg zum Paradies, die anderen führen in die Gegenfahrbahn. Das‘ jetzt keine Beleidigung oder so oder dass ich dir irgendwie wehtun will.
Tannenbuscher Junge: Nein, ich weiß nich ich hab… dieses äääh… Muslime und Christen… das, find ich, funktioniert perfekt in Deutschland. Aber dieses… was ich persönlich… ich hab wirklich was gegen Juden.
Vogel: Ja.
Tannenbuscher Junge: Weil die Juden einfach… ich versteh nich.
Vogel: Ja, also guck ma ich sag ma so (…) es is wichtiger für uns: geht man ins Paradies oder geht man in die Hölle?

Der Tannenbuscher Junge hatte nicht etwa Vorfahren in Anatolien, sondern war ungarischer Christ.

Von den Islamist_innen geht aus diesen Gründen heute eine weit größere Gefahr aus als von den versprengten, kümmerlichen Resten des einstigen Nationalen Widerstands, NSU hin oder her.
Wenn sich die deutsche Öffentlichkeit empört, dass Salafistenbengels in orangenen Westen durch die deutschen Innenstädte ziehen, gilt ihre Sorge nicht eben diesen Bengels, sondern der Innenstadt. Die sexistische Kontrolle des öffentlichen Raumes in den Vorstädten durch eben diese Banden, die Selben in Grün, hat die Öffentlichkeit nie interessiert. Auch die seit einigen Jahren deutlich sichtbaren Anzeichen einer Islamisierung, in Tannenbusch in Form von hunderten Aufklebern mit islamistischen Aufforderungen, die der Szene der Männerbanden beim Street Harassment-Hobby vor Spielothek oder Bahnstation eine völlig angemessene Kulisse bereitet haben, war der deutschen Öffentlichkeit meist gleichgültig, so lange die Distanz gewahrt war. Der Terror der Mackerbanden hat ja nur die rassisierte Unterschicht getroffen – die Hochhaussiedlungen von Tannenbusch waren ja gerade dazu gedacht, genau diese Gemengelage vor die Stadtmauern zu verbannen, um die Augen vor ihr verschließen zu können. Niemand sollte sich täuschen und das Gegenteil annehmen. Und gerade darum sollte sich heute auch niemand darüber täuschen, dass mit den Salafist_innen wie dem Bonner Farid S., der gerade in Syrien zusammen mit Denis Cuspert in den Eingeweiden Ermordeter wühlen dürfte, ein Problem der deutschen Gesellschaft in ihrem Inneren vorliegt. Cuspert war in Bad Godesberg bei den Ausschreitungen als Rädelsführer dabei, zuvor war er Gangsterrapper in Berlins Kleinkriminellen- und Gangmilieu. Diese Männer (aber auch Frauen) sind Sprösslinge aus dem seit Brecht berühmten, fruchtbaren deutschen Schoße, wenn auch mit Identitäts- und Kulturanteilen, die genuin aus dem Nahen Osten sowie dem Maghreb stammen. Wer die Gefahr des Salafismus bekämpfen will, muss verhindern, dass marginalisierte Männlichkeiten wie die Polizei der Sharia oder die Polizei für Rocklänge und Absatzhöhe entstehen. Die deutschen Kriegsverbrecher in Syrien sind die Jungmacker auf Welttournee, die gelernt haben, sich ihrer Sünden vor Gott zu schämen und ihren Sadismus gottgefällig etwa an jesidischen Frauen oder syrischen Kriegsgefangenen auszuleben. Der Salafismus ist vieles, aber vor allem auch eine Entwicklung einer spezifischen Männlichkeitskultur.

Der_die Autor_in ist der Redaktion namentlich bekannt. Er_sie hat selbst in Neu-Tannenbusch gelebt. Die geschilderten Szenen sind dem Tannenbuscher Alltag entnommen.