Frauen*emanzipation ist nur außerhalb autoritärer Gruppen zu haben!

Wir dokumentieren ein Flugblatt der Autonomen Feminist_innen und Qommunist_innen, Köln und Bonn, vom 22.11.14:

Für den 22.11. wurde vonseiten der Roten Aktion Köln, der Bonner Jugendbewegung, der ver.di-Studierendengruppe Bonn und weiterer Gruppen der autoritären Linken zu einer Demonstration „Nein zur Gewalt an Frauen“ mobilisiert. Anlässlich des Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen* ging man, wie in diesem politischen Spektrum üblich, mal wieder auf die Straße. In einem längeren Text haben wir uns kritisch mit der Veranstaltung, einem der Aufrufe und dem mobilisierenden Gruppen auseinandergesetzt und ihn als Flyer unter die Leute gebracht.

Frauen*emanzipation
ist nur außerhalb autoritärer Gruppen zu haben!

In einem erfrischenden Aufruf („Auf die Straße gegen Gewalt, Unterdrückung und Sexismus“) wenden sich Aktivistinnen aus Köln und Bonn gegen die alltägliche Gewalt an Frauen* und eine Kultur, die diese Gewalt verharmlost und sie Frauen* als ihr Schicksal auferlegt. Damit mobilisieren sie zu einer Demonstration am 22. November in Köln. Entgegen früherer Textproduktionen aus dem Umfeld dieser Aktivistinnen wird der Sexismus nicht als Nebenwiderspruch abgetan und gefordert, Frauen* mögen bitte die Klappe halten und sich dem „revolutionären Kampf“ ihrer Genossen anschließen. Die Gewalt, die Frauen* alltäglich erfahren, soll, so klingt es, nicht erst nach der Überwindung von Kapitalismus und Imperialismus aus der Welt geschafft werden: die Aktivistinnen wollen sie im Hier und Jetzt angreifen. Als Feminist_innen aus autonomen Strukturen und der anti-autoritären, radikalen Linken freuen wir uns über diese Entwicklung. Gleichzeitig möchten wir die Genossinnen aus dem Umfeld der Roten Aktion Köln, der Bonner Jugendbewegung, der Antikapitalistischen Aktion Bonnusw. auffordern und unterstützen, die Sensibilität, die sie mit diesem Text bewiesen haben, weiter zu denken und am Ball zu bleiben:

Die Gruppen und Strukturen der anti-imperialistischen, sozialistischen, autoritären Linken sind nicht erst seit Kurzem problematisch, wenn es um die Emanzipation von Frauen* oder von LGBT* geht. Allein in den letzten 10 Jahren gab es vielfältige Versuche, die sexistischen, autoritär-maskulinen Allüren dieser Gruppen zu thematisieren. 2007 schubsten und bedrängten Mitglieder der Roten Antifa Duisburg in Dortmund eine Genossin bei einer Antifa-Demo, was diese mit einem Faustschlag abwehren konnte. Die Angreifer drohten danach lauthals, man solle in Zukunft auf die „kleine Freundin“ „aufpassen“, weil es sonst „richtig knallt“. Als wenig später Mitgliedern der RAD wegen gebrüllter Parolen (u.A. „Tod für Israel!“) und mackerhaftem Auftreten der Einlass ins AZ Mülheim verwehrt wurde, beschimpften diese eine Genossin u.A. als „Schlampe“ und warfen ihr „Faschismus“ vor. Auf das deswegen folgende Hausverbot reagierte die RAD in einer Stellungnahme, in der sie erklärte, dass im Eifer des Gefechts jedem mal so etwas rausrutschen könne. Das ultra-maskuline, sexistische und bedrohliche Auftreten ihrer Genossen spielten sie herunter. Bei einem Bündnistreffen gegen einen Naziaufmarsch 2007 in Essen kündigten RAD-Genossen an, sie würden die Nazis „in den Arsch ficken“. 2009 wurde eine Genossin bei einem Schüler_innenstreik in Essen trotz gelobter Besserung als „antideutsche Fotze“ beschimpft, weil sie einen Aufkleber („Deutschland stinkt!“) verklebt hatte. Danach wurde die Genossin auch körperlich attackiert. Ein Bündnistreffen von Antifas in Dortmund wurde von 25 geschlossen auftretenden Anti-Imperialist_innen verschiedener Ruhrgebiets-Gruppen gesprengt, nachdem diese wegen zahlreicher Übergriffe auf Antifas, davon viele von sexistischen und homophoben Drohungen begleitet, ausgeladen worden waren. Dabei wurde gefordert, die anwesenden Opfer dieser Angriffe sollten sich mit den anwesenden Tätern – aggressiv auftretenden Rädelsführern u.A. der RAD – an einen Tisch setzen, weil man zusammen über die Nazis beraten müsse. Diese Vorfälle – und wir könnten weit mehr aufzählen – sind 2009 bei interventionen.blogsport.de veröffentlicht worden. Die von den Betroffenen nicht öffentlich gemachten oder nur uns persönlich bekannten Vorfälle, insbesondere die sexuellen Übergriffe, übersteigen dieses Hellfeld deutlich.

Die sexistische und homophobe Subkultur, die in Kreisen der autoritären Linken herrscht, ist kein Zufall. 2013 wurde im Köln-Bonner Raum versucht, die Verehrung für Josef Stalin zu thematisieren, die in dieser Strömung populär ist. Stalin steht für die Rücknahme revolutionärer Errungenschaften in der Sowjetunion: statt der Befreiung der Frau propagierten die Stalinist_innen das Heimchen am Herd, das die Kleinfamilie zusammenhält und ihrem erwerbstätigen Ehemann zur Verfügung steht. Schwangerschaftsabbruch wurde wieder verboten. Die Entkriminalisierung von Homosexualität, die Anfang der 20er Jahre Realität war, wurde ebenfalls zurückgenommen. Die Auswirkungen von vielen Jahrzehnten des Stalin-Nationalismus gegen Frauen*, Homosexuelle oder Jüd_innen in der Sowjetunion erleben unter Putin eine Neuauflage. Doch schon unter Lenin waren die Vorstellungen von befreiten Geschlechterverhältnissen eher gruselig. Ein sowjetisches Programm zur „freien Liebe“ endete etwa in der Kleinstadt Wladimir in folgendem Alptraum: alle unverheirateten Frauen* über 18 sollten sich bei lokalen Behörden registrieren und wurden zu Staatseigentum erklärt. Dann konnten Männer sich diese Frauen* auch gegen deren Zustimmung zur sexuellen Verwendung aussuchen. Sexuelle „Befreiung“ hieß hier, die Verfügungsgewalt über Frauen und ihre sexuellen „Dienste“ noch zu erhöhen: mehr Geschlechtsverkehr statt mehr Rechte. Die Menschen in Russland leiden in diesen Tagen unter einer gewachsenen politischen Kultur, die in der deutschen autoritären Linken abgefeiert wird. Die stalinistische Konterrevolution in Russland hat den Menschen versprochen, was die autoritäre Linke heute noch immer verspricht: „Ordnet euch unter, dann führen wir euch in bessere Zeiten. Wir wissen, was gut für euch ist“. Wenn sie sagen „Frauenkampf ist Klassenkampf“, dann meinen sie das anti-feministisch: Frauen* sollen niemals den Sexismus unter ihren Genossen anprangern, sondern ihnen in den „Klassenkampf“ folgen. Die sexuelle Gewalt in den Betten, die linke Frauen* erleben, die Belästigungen auf linken Partys – wer sie thematisiert, gilt schnell als Spalterin. So liegen mehrere Vorwürfe von sexueller Gewalt und Vergewaltigung gegen Männer aus den Reihen der autoritären Linken der Region vor. Doch mit dem Verweis etwa auf den gemeinsamen Kampf gegen Nazis verlangen diese Gruppen immer wieder, Ausschlüsse gegen die Täter rückgängig zu machen. Sie bringen diese Typen auf Demos oder auf Bus-Anreisen mit, wo sie von den betroffenen Frauen* ertragen werden müssen oder umgehen gezielt bestehende Hausverbote in linken Lokalitäten. Täterschutz ist ein Problem in der gesamten(!) Linken – aber nirgendwo ist er so selbstverständlich wie in den anti-imperialistischen Gruppen und Strukturen.

Äußere Feinde werden in der autoritären Linken gerne großgemalt. Nazis, die Polizei, anti-autoritäre Linke, der bürgerliche Individualismus, die Imperialist_innen, westliche Medien, Zionist_innen und Lobbygruppen würden den revolutionären Kampf spalten und sabotieren. Die äußere Bedrohung, mit der die revolutionäre Avantgarde angeblich konfrontiert ist, funktioniert wie der Rassismus: Von inneren Problemen bzw. Widersprüchen wird abgelenkt, stattdessen sollen die „Revolutionäre“ zusammenhalten. Der gemeinsame „Klassenkampf“ richtet sich dabei vorwiegend gegen die westliche Moderne, das Finanzkapital, nebulöse Lobbygruppen, Israel oder „den Krieg“ – den Kapitalismus hat man hier nie verstanden. Im AZ Wuppertal versuchten Feminist_innen über Jahre, die sexistische Stimmung zu verändern und übergriffige Typen zu isolieren, was von den eingesessenen Alt-Autonomen und ihrem Umfeld blockiert wurde. 2012 vergewaltigte dann einer dieser Männer, der trotz mehrfacher Belästigungen nicht aus dem AZ geschmissen worden war, eine Frau* auf dem AZ-Klo. Hier zeigte sich der beschriebene Mechanismus besonders deutlich: Von der sozialistischen Linken unterstützt, wurden die Feminist_innen (antisexismuswuppertal.blogsport.de) von den ebenfalls anti-imperialistisch ausgerichteten AZ-Leuten aus dem Kollektiv gedrängt und in offiziellen, öffentlichen Statements als antideutsche Spalter_innen hingestellt. Besorgt zeigte man sich, dass durch die Veröffentlichung der Zustände im AZ „Nazis und Behörden“ sich „die Hände reiben“ und „fleißig mitschreiben“ würden. Die SDAJ war der Meinung, man dürfe sich nicht über „Ausgrenzung und Spaltung“ ein „ideologisch reines Umfeld“ schaffen und zeigte sich besorgt um ihren politischen Einfluss auf Jugendliche, wenn man sie per Rausschmiss vor den Kopf stoße. Freilich: als sich vor einigen Monaten neben dem anti-zionistischen Verband solid NRW ein pro-zionistischer Arbeitskreis Shalom in Wuppertal bilden wollte, fand man die „Schaffung“ eines ideologisch reinen Umfeldes weniger problematisch. Erst drohte man im Internet, Young Struggle und die Rote Antifa vorbeizuschicken, deren Ruf als Schlägertrupp wohl auch unter Anti-Imperialist_innen anerkannt ist, dann wurden die Linke-Aktivist_innen von fünf Männern vor dem Treffen körperlich angegriffen und antisemitisch beschimpft.

Das, was wir heute als Antifeminismus und als Antisemitismus kennen und unterscheiden, war am Ende des 19. Jahrhunderts eine einzige, schwerlich trennbare Brühe. Als die Frauen* ihre Rechte einforderten, vermutete man dahinter eine jüdische Verschwörung gegen das Volk und seine urtümliche Lebensweise. Und um den Hass gegen den Juden zu entfachen, stellte man ihn immer als weibischen, hinterlistigen und unmännlichen Verführer dar. In der Jüdin kreuzten sich diese Bilder: als schöne, emanzipierte, gebildete Frau* stand sie für alles, was Antisemit_innen von ganz links bis ganz rechts hassten. So auch in der Sowjetunion: Aufmüpfigen Frauen* kam man mit Gesetzen und Kampagnen Ende der 20er Jahre bei, zwanzig Jahre später war der Höhepunkt der blutrünstigen Jüd_innenverfolgung erreicht, als man eine angebliche „Ärzteverschwörung“ aufdeckte. Die Gründung des Staates Israel 1948 führte also noch im selben Jahr dazu, dass in der Sowjetunion Jüd_innen vernichtet wurden, die man beschuldigte, sich als Zionist_innen gegen die UdSSR verschworen zu haben. Schon hier galt: Geredet wurde vom Zionismus, gemeint war das Leben von Juden und Jüdinnen. Und das drei Jahre nach der Befreiung von Auschwitz! Die angebliche Gleichstellung der Frau* im Sozialismus – sie war eine Lüge wie die „Verbrüderung der Völker“.

Auch die radikale Linke ist kein Bollwerk für die Gleichberechtigung der Geschlechter – nicht die autoritäre, nicht die anti-autoritäre Linke. Sie muss erkämpft werden – von uns! Der Kampf gegen den Sexismus darf nicht auf den Kommunismus vertagt bleiben, beides kann nur zusammen erstritten werden. Lasst euch nicht erzählen, Frauen*kampf sei Klassenkampf. Die Männer der autoritären Linken sind an der Wahrung ihrer Privilegien interessiert, nicht an Geschlechtergerechtigkeit. Für sie bleiben Frauen* das große Andere, das sexuelle Gegenüber. Frauen*emanzipation ist nur außerhalb autoritärer Gruppen zu haben!

Autonome Feminist_innen und Qommunist_innen, Köln und Bonn, November 2014