Marginalien zur Debatte um die Kölner Silvesternacht

Vieles ist bereits gesagt worden zu den sexuellen Angriffen auf Frauen in der Kölner Silvesternacht, das meiste davon Unsinn, freilich. Woher qualifiziertere Einschätzungen zu den Vorkommnissen zu beziehen waren, das wissen unsere Leser_innen vermutlich zur Genüge. Deshalb geht es uns im Folgenden nicht darum, die nächste Aufarbeitung des Ganzen zustande zu bringen, sondern ein paar leise Anmerkungen zu Blindflecken der aufgeheizten Marktschreierei zu leisten, die helfen sollen, einen differenzierteren Blick nicht nur auf das Geschehene, sondern auch auf den gesellschaftlichen Schaden zu richten, der im Nachgang an die Silvesternacht von fast allen Seiten angerichtet worden ist.

Wenn sich die Deutschen angesichts wahlloser sexueller Angriffe auf Frauen im öffentlichen Raum durch maghrebinisch aussehende Männergruppen empören, kann darin aus einer Perspektive, die die deutschen Diskurse um Sexualität, Gewalt, Männlichkeit usw. aufmerksam verfolgt, eigentlich nur geschlossen werden, dass das Kernproblem, das die Empörung auslöst, nicht in der Gewalt gegen Frauen liegt, sondern einerseits in der Nutzung des öffentlichen Raumes und andererseits darin, dass es die falschen Männer waren. Wenn der rechte Mob, der sonst bei jeder öffentlichen Schweinerei gegen Frauen oder LGBT und ihre Rechte zur Stelle ist, nun genau diese Rechte verteidigt wissen will, ist sonnenklar, dass es ihnen um ihr Bedürfnis geht, den eigenen, grausamen deutschen Normalzustand auf rassisierbare Männer und Männlichkeiten zu projizieren – nicht die Tat ist das Problem, sondern der Täter. Wenn Justizminister Nein-heißt-vielleicht-Ja-Maas die Kölner Attacken fasziniert “dreist” nennt, lässt sich daraus ablesen, dass ihm nicht prinzipiell die Brechung der sexuellen Selbstbestimmung, des Willens von Frauen das Problem ist, sondern die falsche Männlichkeit, die falsche Form, in der dies vollzogen wird. Den Tätern „Dreistigkeit“ vorzuwerfen kann nur Sinn machen, wenn man intuitiv glaubt, die Dreistigkeit bei der Begehung der Tat erhöhe noch ihre Schändlichkeit. Umgekehrt wird ein Schuh draus: wer die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen nicht „dreist“ bricht, sondern etwa „von der guten alten Schule“, der stellt kein Problem dar. Nicht nur Heiko Maas, die absolute Mehrheit ist unfähig, ein wirklich ethisches Urteil über die Angriffe zu fällen, weil sie in Fragen der Sexualität sowieso keine Ethik, sondern nur Ästhetik kennen. Dieser Ästhetik ist, auf ihren Kern gebracht, schwarzes Haupthaar ein größeres Problem als die Hand am Busen. Dieser Ästhetik ist, auf ihren Kern gebracht, der sexualisierende Kommentar auf einem Bahnhofsvorplatz das größere Problem als der selbe Spruch in einer Disco, hinter dem Türsteher, der die Schwarzhaarigen vorher aussortiert hat. Natürlich stellt die ethnizistisch-maskuline Zusammenrottung zur Begehung von sexuellen Übergriffen eine neue Qualität aufseiten der Täter dar – für die Betroffenen ist es aber, abseits ihrer eigenen rassistischen Verirrungen, letztlich relativ unerheblich, wer der oder die Täter waren. Der Schmerz über das Erlittene bleibt der selbe und gerade zu Abendstunden fühlen sich die meisten Frauen zurecht sowieso nie sicher im öffentlichen Raum.

Die linksliberalen Kommentator_innen sind darum bemüht, gegen die Flut an Scheiße anzukämpfen, die sexuelle Gewalt mit „Ausländern“ oder dem Islam kurzschließt. Völlig zurecht befürchten sie die Rassisierung eines sozialen Problems – in Köln wollten am Abend des 05. Januars Nazis und andere Deutsche in Bürgerwehrmanier Jagd auf arabisch aussehende Männer machen und konnten daran nur durch die große Präsenz von Polizei und Antifaschist_innen gehindert werden. Sie können dann aber nicht erklären, wie diese für die Bundesrepublik tatsächlich neue, besorgniserregende Form der sexuellen Belästigung und sexuellen Übergriffe so, aus dem berauschten Männlichkeitskollektiv heraus, zustande gekommen ist. Wir halten es leider angesichts des tobenden Wahnsinns in Deutschland für völlig illusorisch, sinnvoll öffentlich über die Besonderheiten desjenigen sexuellen Hasses auf Frauen zu diskutieren, der seine Prägung insbesondere durch eine islamische Kultur erhalten hat – ohne dabei unbeabsichtigt eine Loslösung dieses Komplexes aus den weltweiten frauenverachtenden, sexuellen Unzuständen loszutreten. Deswegen kann sich eine Thematisierung des Islams und seiner ihm anhängenden (Sexual)Kulturräume gegenwärtig sowieso nur an die marginalen politischen Strömungen richten, die um Ideologiekritik bemüht sind, weil ihr politischer Maßstab nicht an der normativen Kraft des Faktischen, sondern an einer zum Allgemeinen fähigen Idee des Menschlichen ausgerichtet ist. Denn von dort aus betrachtet ist die Fallhöhe zwischen deutschem Bewusstsein, deutscher Realität und islamisch-kultureller Realität zwar noch signifikant, aber eine Frage von Grautönen, keine von schwarz und weiß. Henriette Reker, die Kölner Oberbürgermeisterin, verstieg sich nicht nur zu dem völlig lächerlichen „Tipp“ an Frauen, zu Fremden eine Armlänge Distanz zu halten (so als sei die Unterschreitung einer Distanz zum Täter durch das spätere Opfer der Auslöser und nicht die Lust des Täters, Frauen anzugreifen), sie legte in einem Interview mit dem Heute-Journal am späten Abend noch nach und erklärte Frauen, sie sollten halt nicht in überschwänglicher Freude gleich jedem fremden Mann um den Hals fallen, nur weil der nett lächele.

Im Bild: Historische Aufnahme eines Volksselbstverteidigungskurses zum Schutze der deutschen Frau vor den Bestien und Untermenschen

Im Bild: Historische Aufnahme eines Volksselbstverteidigungskurses zum Schutze der deutschen Frau vor den Bestien und Untermenschen bei der Übung “eine Armlänge Abstand”

Über die kulturell geprägten Denkmuster, die hier Täter und Opfer vertauschen, männliche Sexualgewalt für ein unveränderliches Naturphänomen halten und schon ein mal den Boden vorbereiten, auf dem man später Frauen die Schuld an dem geben kann, was ihnen zugestoßen ist, sollen hier keine weiteren Worte verloren werden. Die Facebook-Seite „MuslimStern“, die von knapp 20.000 Menschen geliked wird, veröffentlichte eigene „Tipps“ an Frauen: sich “christlich“ kleiden (gemeint war hier: ein Kopftuch tragen), um nicht sexuell angegriffen zu werden. Frauen trügen wegen ihrer Beschaffenheit(!) eine Verantwortung(!), wenn sie aus dem Haus gehen(!) und generell müssten Frauen sich nicht wundern, wenn man hungrigen Löwen(!) eine nackte(!) Antilope(!) vorwerfe(!). Frauen sollten nicht durch Horden von (betrunkenen) Männern gehen und es wäre klug, sich kleidungstechnisch Maria zum Vorbild zu nehmen und nicht Lady Gaga(!). Es sei merkwürdig, dass Frauen das immer wieder täten(!), obwohl sie ja Biologieunterricht(!) gehabt hätten. In diesem Beispiel, und es gibt unzählige weitere, wird zur Kenntlichkeit gebracht, was gelebte, kulturelle Alltagsrealität in muslimischen Kreisen ist und sie übertrifft den von Henriette Reker geäußerten Irrsinn nochmal um Längen an Ekelhaftigkeit. Und genau an der Differenz zwischen Rekers Tipps und denen des „MuslimSterns“ lässt sich eine Ahnung davon erheischen, wie es zu verstehen sein könnte, dass westlich-säkular geprägte Täter eher nicht, wie in der Silvesternacht geschehen, aus einem kollektiven Männlichkeitsrausch heraus über Stunden Angriffe auf Frauen begehen, sondern die für sie daraus gewonnene Lust lieber alleine genießen, Frauen allein angreifen oder aus Gruppen heraus meist „nur“ belästigen. Stark verkürzt lässt sich nämlich sagen, dass u.A. mit der Institution des Hijab die patriarchale Sexualkontrolle des Mannes einen Anspruch auf den öffentlichen Raum stellt, der sich in westlich geprägten Regionen etwas mehr auf das vermeintlich „Private“ beschränkt. Das Hijab IST die zum Gegenstand geronnene Vorstellung, die in beiden Tipps zum Vorschein gerät, wenn auch im einen stärker als im Anderen: dass Frauen aufgrund ihrer Körper und ihres Verhaltens an der sexuellen Gewalt (mit)schuldig sind, die ihnen zugefügt wird, nicht (nur) die Täter. Dabei stellt aber genau dieses Narrativ selber einen Teil des kulturellen Rahmens dar, der Männer nicht nur ermächtigt, diese Taten zu vollziehen, weil es ihnen signalisiert, dass sie mit keinen Konsequenzen zu rechnen haben, sondern sie überhaupt erst sexualpsychologisch so prägt, dass sie daran Lust empfinden könnten. Von diesem kulturellen Muster stellen seine im Islam erzählten Versionen nur eine von unzähligen Varianten der same old story dar, was bedeutet, dass beides gleichzeitig gilt: dass der islamische Kulturraum besonders misogyn ist und dass er gleichzeitig „normal“ ist. Das Element, dass „Schlampen“ es verdient haben, mit der Lust bestraft zu werden, die sie angeblich bei Männern hervorrufen, und zwar im öffentlichen, von Männern kontrollierten Raum, ist in islamisch geprägten Kulturen zwar stärker, aber es ist für ihn auch alles andere als ein Alleinstellungsmerkmal.

Die Normalität der Attacken der Silvesternacht kommt besonders darin gut zum Ausdruck, dass sich gegenwärtig alle über die begangenen „Straftaten“ empören. Sogar der eingangs erwähnte Justizminister spricht von einer „völlig neuen Dimension organisierter Kriminalität“, Politiker_innen wie Angela Merkel vollbringen sogar das Kunststück, vom Rechtsstaat zu fordern, er möge mit aller Härte antworten, was offensichtlich nur unter Aufgabe seiner Identität als Rechtsstaat möglich wäre. Aber womit hätten die Täter, abseits der begangenen Eigentumsdelikte, eigentlich zu rechnen? Völlig unbeachtet in der ganzen Diskussion bleibt nach wie vor, dass die allermeisten Taten in Deutschland überhaupt nicht strafrechtlich relevant sind. Gesetzeslage und vergangene Urteile machen deutlich, dass sogar Begrabschen, erzwungene Zungen in fremden Mündern, teilweise überfallsartig in den Körper von Menschen gesteckte Finger, aber eben auch alle Arten von sexueller Belästigung in Deutschland keine Straftat darstellen. Wie glaubwürdig sind Deutsche, die sich angesichts von von Maghrebinern begangenen Angriffen auf Frauen empören, wenn die selben Deutschen in ihrer Rolle als Souverän nicht im Traume daran denken, sexuelle Belästigungen und sexuelle Übergriffe mit dem Gesetz zu ahnden? Die Strafbarkeit fängt erst bei erheblichen sexuellen Handlungen gegen den aktiven körperlichen Widerstand der betroffenen Person an (definierte Randbedingungen einmal beiseite gelassen), dann wird von „sexueller Nötigung“ gesprochen. Gut für die Täter, das schlägt sich ganz massiv in der Zahl der Anklagen und Verurteilungen nieder, dass sie eben jenen aktiven körperlichen Widerstand mit ziemlicher Sicherheit zu unterbinden in der Lage sind. Und gut in Erinnerung geblieben ist auch, dass selbst die mehrfach gegen die explizit artikulierte Ablehnung immer wieder vorgebrachten sexuellen Kommentare, Aufforderungen zu sexueller Interaktion und inkonsensuell mit dem Mund berührte Hand einer Stern-Journalistin durch Rainer Brüderle keinen deutschen Konsens darüber erzielen konnten, dass es sich hier überhaupt um sexuelle Belästigung handelte. Wie können sich also Deutsche über Grabscher durch maghrebinische Männer empören, wenn ihnen Grabscher gegen Frauen eigentlich prinzipiell scheißegal sind? Ganz einfach: weil es ihnen um den rassisierten, in ihrer Vorstellung von Natur aus sexuell potenteren Mann geht, vor dem sie – unterbewusst, kulturell vermittelt – Angst haben, nicht um Frauen und ihre sexuelle Integrität, oder, wie das deutsche Recht es definiert, das (Nicht-)Schutzgut der sexuellen Selbstbestimmung. So lange die sexuellen Übergriffe und Belästigungen durch den (weißdeutschen) Partner, Ehemann, Chef, Klassenkameraden, Kommilitonen, Mitarbeiter, Discothekenbesucher, in der Privatwohnung, am Wohnort des Opfers (statistisch: der gefährlichste Ort für Frauen!) erfolgen, ist der Anstand gewahrt. Und um nichts anderes geht es in der gegenwärtigen Debatte, um deutschen Anstand.