„Schon heute bringt der Student alle zum Lachen“

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Die Universität Bonn gab bekannt, dass sie den Vertrag mit der VG Wort nicht unterschreiben wird. Das hätte zur Folge, dass einige Dateien aus eCampus verschwinden würden. Letztlich passiert, was abzusehen war: Die VG Wort knickt ein, der alte Vertrag wird voraussichtlich bis Ende September 2017 weiter gelten und dann kommt ein Vertrag dabei heraus, der schlechter für die VG Wort sein wird.

Im Folgenden geht es darum, weshalb das abzusehen war und weshalb wir keine nennenswerten Sympathien für die Beteiligten dieser Auseinandersetzung haben. Außerdem soll sie als Beispiel dienen, um auf studentische Ideologie hinzuweisen.

VG Wort, KMK, Universitäten…

Wenn die Universität dem zwischen Kultusministerkonferenz (KMK) und VG Wort ausgehandelten Vertrag nicht zustimmt, ist die Universität daran Schuld, dass kein Vertrag zustande kommt.

Die VG Wort wiederum hat legitime Interessen und bewegt sich im legalen Rahmen. Legitim sind diese Interessen gerade im Hinblick auf die Geisteswissenschaften, die der Wegfall des Vertrags hauptsächlich betroffen hätte, da nicht wenige GeisteswissenschaftlerInnen später einen Teil ihrer Reproduktionskosten durch Einnahmen von der VG Wort bestreiten werden. Die KMK ist politisch besetzt, darunter Leute der Grünen, der CDU/CSU, der SPD und der Linkspartei. Wahrscheinlich sind auch FDP-Leute dabei.

Marx schreibt irgendwo, dass bei gleichen Rechten die Gewalt entscheidet. Die Universitäten wussten früh um das Problem, haben es vergeigt und drohten also der VG Wort damit, den Vertrag einfach nicht zu unterschreiben, was eine mögliche Verhandlungsposition der Universitäten war und ist, weil sie davon ausgehen können, dass sie von keiner einzigen Studierendenvertretung Probleme bekommen werden, weil diese Studierendenvertretungen zum allergrößten Teil irrelevant sind. Irrelevant deswegen, weil keine einzige universitäre Stelle auf die Studierendenvertretungen angewiesen ist. Rektor Hoch schreibt, dass „insbesondere die Studierenden die Leidtragenden“ sind. Er bittet nicht um Entschuldigung, sondern um „Verständnis“, also einen Burgfrieden, um die eigene Verhandlungsposition durchzudrücken. Die Unis wissen, dass die VG Wort auf die Einnahmen angewiesen ist und sie es sich nicht leisten kann, keinen Vertrag mit den Unis zu haben. Das ist die Eingangs erwähnte Gewalt. Wenn die Universität diesem Vertrag zugestimmt hätte, wäre das etwas mehr Aufwand für sie gewesen, das stimmt wohl. Ein Aufwand, aber, der ohnehin von den Leuten, die sich um das Klein-klein der Seminar- und Vorlesungsvorbereitung kümmern, also von studentischen und wissenschaftlichen Hilfskräften und von Post-Docs, erledigt wird. Die Uni hätte vielleicht ein paar weitere SHKs und WHKs einstellen müssen, was wir nicht unbedingt schlecht fänden, da die meisten Studierenden auf Lohnarbeit angewiesen sind und es schlechtere Jobs gibt. Die Universität behauptet nicht, dass die Kosten steigen würden.

… und die Studierenden

Jedes falsche Bewusstsein hat eine materielle Grundlage, die es zu verschleiern hat. Die materiellen Bedingungen des Studierens sind erbärmlich, das Selbstbild der Studierenden ist erbärmlicher: Wie selbstverständlich werfen die in der Hochschulpolitik Aktiven sich der Universität zu Füßen und halten das für eine vernünftige politische Aktion, die besser sei als „nichts zu tun“.

„Der moderne Kapitalismus bewirkt zwangsläufig, dass der größte Teil der Studenten ganz einfach zu kleinen Kadern wird (d.h. das Äquivalent für den Facharbeiter im 19. Jahrhundert)“.

Wie ein stoischer Sklave glaubt der Student sich umso freier, je mehr alle Ketten der Autorität ihn fesseln. Genau wie seine neue Familie, die Universität, hält er sich für das gesellschaftliche Wesen mit der größten „Autonomie“, während er doch gleichzeitig und unmittelbar von den zwei mächtigsten Systemen der sozialen Autorität abhängt: der Familie und dem Staat. Er ist ihr ordentliches und dankbares Kind. Nach derselben Logik eines untergeordneten Kindes hat er an allen Werten und Mystifikationen des Systems teil und konzentriert sie in sich. Was einst den Lohnabhängigen aufgezwungene Illusionen waren, wird heute zu einer von der Masse der zukünftigen kleinen Kader verinnerlichten und getragenen Ideologie.“ (SI)

Einige studentische politische Hochschulgruppen fordern nun „Solidarität mit der Universität Bonn“. Das heißt: Solidarität mit einer staatlichen, gut finanzierten Universität, einer Universität, die 20 Millionen Euro für ein Fest zum 200-jährigen Bestehen der Uni zurücklegt, einer Universität, die studentischen Hilfskräften kaum mehr als den Mindestlohn bezahlt. Solidarität mit einer Uni, die ein jährliches Haushaltsvolumen von ca. 570 Millionen Euro hat und ca. 150 Millionen Euro Drittmittel pro Jahr einnimmt. Die Forderung nach „Autonomie“, gar „Souveränität“ der Universitäten offenbart ein grundlegendes Missverständnis über das Wesen der Universitäten und die Entwicklung der Universitäten in den letzten 100 Jahren:

„Da für ihn noch einige Krümel vom Prestige der Universität abfallen, freut sich der Student immer noch, Student zu sein. Zu spät. Der mechanisierte und spezialisierte Unterricht, den er empfängt, ist ebenso heruntergekommen (im Verhältnis zum früheren Niveau bürgerlicher Allgemeinbildung) wie sein eigenes intellektuelles Niveau im Augenblick seines Studienantritts, aus der einzigen Tatsache heraus, dass das alles beherrschende ökonomische System die Massenherstellung ungebildeter und zum Denken unfähiger Studenten verlangt. Der Student ignoriert, dass die Universität zu einer – institutionalisierten – Organisation des Unwissens geworden ist, dass die „hohe Kultur“ selbst sich im selben Tempo wie die Serienproduktion von Professoren auflöst, dass alle Professoren Kretins sind, von denen die meisten sich vor jedweder Gymnasialklasse blamieren würden. Er hört seine Lehrer auch weiterhin mit Respekt, mit dem bewussten Willen, jeden kritischen Geist aufzugeben, um sich besser mit den anderen in der mystischen Illusion einig zu fühlen, „Student“ geworden zu sein, jemand, der sich ernsthaft damit beschäftigt, sich ein ernsthaftes Wesen in der Hoffnung anzueignen, man werde ihm auch die letzten Wahrheiten anvertrauen. Das sind die Wechseljahre des Geistes.“ (SI)

„Die Überreste der alten Ideologie einer liberal-bürgerlichen Universität werden in dem Augenblick nichtssagend, wo ihre gesellschaftliche Basis verschwindet. Die Universität konnte sich in der Epoche des Freihandelskapitalismus und seines liberalen Staates als autonome Macht verstehen, da er ihr eine gewisse marginale Freiheit gewährte. Sie hing in Wirklichkeit eng von den Bedürfnissen dieser Art von Gesellschaft ab: der privilegierten studierenden Minderheit eine angemessene Allgemeinbildung zu vermitteln, bevor sie sich wieder in die herrschende Klasse einreiht, die sie kaum verlassen hatte.“ (SI)

Wir halten diesen Streit für einen ganz gewöhnlichen Verteilungskampf zwischen staatlichen Stellen und einer Verwertungsgesellschaft. Hinzu kommt das parteipolitische Spektakel. Wir sind bei allen drei Beteiligten interesselos und schlagen vor, sich ein paar Gedanken darüber zu machen, was studentische Hochschulpolitik ist und was sie leisten kann.

Zitate aus:
Situationistische Internationale: Über das Elend im Studentenmilieu (1966)

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