Dichtung und Wahrheit

Wie vor jeder Wahl möchten wir euch einen Überblick über die antretenden Hochschulgruppen geben, ihr Wahlprogramm und ihr Auftreten kritisch beleuchten und den Anspruch der jeweiligen Gruppen mit der Wirklichkeit vergleichen, an der er sich regelmäßig blamiert.
 
Der RCDS beteiligte sich vor drei Jahren maßgeblich dabei, den Wahlantritt der Grünen Hochschulgruppe zu verhindern, da Wahlunterlagen um wenige Sekunden zu spät abgegeben wurden. Von der “pragmatischen Lösungsorientierung” (Wahlzeitung) war nichts zu spüren. Dieses Jahr leistete sich der “Oppositionsführer” (bzw. Verlierer der Wahl) eine eigenmächtige Fristverlängerung um mehrere Stunden, bis alle Unterlagen komplett eingereicht wurden. Nun sieht sich der RCDS als Opfer einer groß angelegten Verschwörung. Seit bei einem AStA-Vortrag eine Privatperson mithalf, die sich Anarchist nennt, fordern RCDS und LHG auf zahlreichen SP-Sitzungen und der Hälfte ihrer Wahlplakte hartnäckig ein Ende der “Ideologie” im AStA. Als Ideologen begreifen sich die marktradikalen Kumpanen der Bonner Burschenschaften selbstredend nicht.
 
Die Liberale Hochschulgruppe Bonn ist immer noch der vertrottelte Cousin des RCDS. Im Studierendenparlament fallen sie vor allem dadurch auf, ewig lang gegen ein Beschluss des AStA-Vorsitzes zu diskutieren, um am Ende festzustellen, dass sie eigentlich der gleichen Meinung sind. Sie führen außerdem einen wackeren Kampf gegen den Linksextremismus im AStA” (Wahlzeitung), was sich beispielsweise darin äußert, dass sie bei jedem SP-Antrag bzgl. Bildungsveranstaltungen zum Nationalsozialismus langatmige Kosten-Nutzen-Abwägungen machen und Kürzungen vorschlagen.
 
Durch den großartigen Erfolg bei der letzten Wahl war es den Jusos verständlicherweise ein Anliegen, möglichst viele Referate selbst zu besetzen. Wir würden uns wünschen, wenn in Zukunft Machtpolitik auch nur dann genutzt wird, wenn die damit erworbenen Posten auch sinnvoll besetzt werden können. Das festival contre le racisme kann außerdem beim besten Willen nicht als Erfolg der Juso-Hochschulgruppe bezeichnet werden, waren hierbei doch neben unseren Genossen von Refugees Welcome viele engagierte Einzelpersonen aus diversen Hochschulgruppen sowie aus anderen Initiativen beteiligt. Schließlich sollte noch das vielsagende Lob des Rektorats an den AStA-Vorsitz der letzten Jahre zu denken geben, dass man in den letzten Jahren viel besser zusammenarbeiten konnte, seit die Studierendenschaft nicht mehr so ideologisch sei. Dies meint natürlich nichts anderes, als dass politische Interessen auf dem Altar der “guten Zusammenarbeit” geopfert wurden. Dennoch konnten wir in einer linken Koalition mit Jusos und der GHG gut zusammenarbeiten und hoffen, dies fortzusetzen.
 
Wir freuen uns, dass die Grüne Hochschulgruppe dieses Jahr wieder aktiv Wahlkampf macht, in der Hoffnung, dass diese neue Vitalität sich auch in der politischen Tätigkeit niederschlagen wird. In den letzten Jahren hatte sich die Tendenz eingestellt, dass ReferentInnen der GHG sich selbst nicht als Teil der GHG betrachteten und ihre Arbeit eher als unpolitische Verwaltungsarbeit ansahen. Dies erschwerte selbstredend auch die politische Auseinandersetzung in der Koalition, da selbst die GHG oftmals die Kritik an “ihren” Referaten teilte, sich aber nicht verantwortlich fühlte. So ist auch die Zurückweisung der LHG-Forderung, das Frauenreferat zu einem Gleichstellungsreferat zu machen, merkwürdig, da gerade diese Entscheidung von dem (grün-geführten) Frauenreferat selbst getroffen wurde, mit der fast wortgleichen Begründung, Gleichberechtigung ginge alle etwas an.
 
Dass die studentische Parteijugend der Linkspartei mit der historischen SDS nichts zu tun hat, ahnt die Linke.SDS mittlerweile wohl selbst: Zwar spielen sie immernoch das alte Kostümspiel und bezeichnen sich als die “Nachfolge” (Wahlzeitung), aber haben in ihrem Wahlprogramm ihren alten Revolutionsjargon mit griffigen, reformistischen Forderungen geupdatet, wodurch sie von ordinären Sozialdemokraten genauso schwer zu unterscheiden sind, wie die Linkspartei von der SPD. Ihre Wahlplakate schmückt der SDS mit Persönlichkeiten wie der Bürgerrechtlerin Angela Davis, die gerne zum Boykott israelischer Produkte aufruft, oder mit Malcolm X, dem früheren Aushängeschild der Nation of Islam, der eine Trennung weißer und schwarzer US-Amerikaner forderte. Besonders gerne hebt der SDS hervor, gegen eine “Kommerzialisierung der Universität” zu sein, um sich dann mit der Hochschulleitung zu “solidarisieren” (Jahresetat der Uni Bonn ≈ 465 mio. €), sobald schlechtbezahlte AkademikerInnen mit der VG Wort einfordern, gerechtere Bezahlung für ihre benutzten Papers zu erhalten.
 
Die trotzkistische Ein-Mann-Armee (“IYSSE“) hält die Uni allen Ernstes für eine “staatlich gelenkte Kaderschmiede” (Wahlzeitung) und sieht die Revolution unmittelbar bevorstehen. Wir wünschen gutes Gelingen!