Uni in Zeiten von Corona – Eine Bestandsaufnahme

Wir befinden uns aktuell mehr als eine Woche nach dem regulären Start des Sommersemesters (6. April) und wenige Tage vor dem verschobenen Start des Semesters (20. April). Aufgrund der Bestimmungen zur Eindämmung des Corona-Virus wird das Sommersemester im Online-Modus stattfinden.
 
Als wir diese Information hörten, waren wir skeptisch, ob es möglich sein wird, den gesamten Lehrbetrieb online durchzuführen und gleichzeitig besorgt, welche negativen Auswirkungen das für die Studierenden haben könnten. Die Bestandsaufnahme wenige Tage vor Semesterstart bestärkt uns in unserer Skepsis.
 
„Zoom ist bei der Sicherheit bestenfalls schlampig und schlimmstenfalls bösartig „ Kryptografie-Fachmann Bruce Schneier (1)
 
Die Universitätsleitung empfiehlt in einem für die Lehrkräfte bestimmten FAQ (2) die Nutzung des Online-Videokonferenz-Systems Zoom. Im selben FAQ und in einem für Studierende bestimmten FAQ (3)äußert sich die Universität mit keinem Wort zu den Vorwürfen und Kritiken, die gegenüber Zoom erhoben werden. Mehrere Behörden und Unternehmen vor allem in den USA konfrontieren Zoom mit Sicherheitslücken. Demnach sei es für Unbefugte leicht möglich in Zoom-Meetings (quasi Gruppenchats) einzudringen und die Sitzung durch unangemessene Inhalte zu stören oder vertrauliche Gespräche zu belauschen. So wurden Meetings mit pornografischen Bildern oder rassistischen Hasstiraden geflutet.
 
Die New Yorker Schulbehörde hat die Nutzung von Zoom daher untersagt und empfiehlt die Nutzung des Dienstes ‘teams’ von Microsoft. Auch weitere US-amerikanische Schuldirektionen und Universitäten sowie Google, SpaceX und die NASA haben sich gegen die Nutzung von Zoom entschieden bzw. ihren Mitarbeiter*innen die Nutzung von Zoom untersagt. Hinzu kommt die vollkommen unzureichende Informationspolitik von Zoom. Am Anfang wurde mit einer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung geworben, die aber, wie es sich herausstellte, nur für den Chat und nicht für das Videosignal besteht. Diese offensichtliche Lüge wird nun als ein Missverständnis über den Begriff “Ende-zu Ende-Verschlüsselung” dargestellt. (4)
In einer Mail, die das Rektorat am 14. April an alle Studierenden verschickte, wird zwar auf einem Link verweisen, der datenschutzrelevante Informationen und Handreichungen zur Nutzung von Zoom enthält, aber die eklatanten Misstände bei Zoom weiterhin verschweigt. Die Informationen des Datenschutzbeauftragten sind u.a. solch banalen Tipps wie, dass keine vertraulichen Informationen im Hintergrund sichtbar sein sollten oder, dass über die Anwesenheit von nicht sichtbaren Dritten informiert werden muss.
 
Für uns klingt das nach Schadensbegrenzung durch Empfehlungen, deren Einhaltung man überhaupt nicht sicherstellen kann. Zwar räumt die Universität ein, dass “unvermeidbar auch personenbezogene Daten erhoben und an den Anbieter und an Dritter übermittelt” werden. Um herauszufinden, welche das konkret sind, verweist die Uni aber auf die Homepage von Zoom.
 
Wenn die Universität ihren Studierenden Zoom als Mittel der Wahl aufnötigen möchte, sehen wir es in der Pflicht der Universität über die Missstände bei Zoom aufzuklären und es nicht dabei zu belassen, dass die Studierenden die Informationen selber zusammen googlen können.
 
Während also die Rahmenbedingungen für die Online-Lehre durch die Wahl von Zoom schon äußerst schlecht sind, hapert es auch an anderen Stellen. Von einem bedenklich großen Teil der Lehrveranstaltungen gibt es wenige Tage vor Semesterstart keinerlei Informationen über den Modus Operandi, der eigentlich ab Montag stehen sollte. Zwar sind alle Basis-Veranstaltungen mit Kursen auf eCampus gekoppelt, dort trifft man aber teilweise auf gähnende Leere.
 
Obwohl der Semesterstart um zwei Wochen verschoben worden ist, wurde diese Zeit nicht genutzt. Für viele Kurse gibt es noch kein Lehrmaterial, welches entweder zur Vorbereitung oder zum Selbststudium zu nutzen wäre. Neben der Sicherheitsbedenken, die also durch die Nutzung von Zoom als Dienst entstehen, kommen noch weitere bedenkliche Eingriffe in Privatsphären hinzu. So soll im universitären Repetitorium des Jura-Studiums gefordert worden sein, sich mit Klarnamen am Zoom-Meeting anzumelden. Eine Forderung deren zwingende Notwendigkeit wir nicht sehen.
 
Ein weiteres Problem ergibt sich durch die Schließung der Bibliotheken. Die ULB hat für termingebundene Masterarbeiten und Dissertationen einen Scan-Service für Literatur eingerichtet. Sollten die Bibliotheksschließungen weiterhin anhalten, sollte dieser Service unbedingt auch für Bachelorarbeiten angeboten werden. Wir sehen die Schwierigkeiten diesen Service auf alle Studierenden auszuweiten. Es darf für die Studierenden aber kein Benotungs- oder Lernnachteil durch die Bibliotheksschließungen entstehen. Hierfür sollte die für Lehrveranstaltungen notwendige Literatur komplett auf eCampus hochgeladen werden. Zusätzlich darf es nicht zu der Situation kommen, dass Studierende genötigt werden, teure Literatur zu kaufen, um Lehrveranstaltungen überhaupt inhaltlich folgen zu können. Dies gilt insbesondere für Literatur die von Lehrenden selbst verfasst worden ist.
 
Auch die letzte Mail des Rektors vom 14. April kann unsere Bedenken nicht ausräumen. Während nur scheinbar auf die Kritik an Zoom eingegangen und zugegeben wird, dass “ZOOM wahrscheinlich keine langfristige Lösung darstellt”, wird daran festgehalten ZOOM für die Lehre im Sommersemester zu verwenden. Wie es sich konkret umsetzen lässt, dass der Einsatz von ZOOM nicht verpflichtend ist und Studierende, die ZOOM nicht verwenden möchten keine Nachteile haben werden, wird mit keinem Wort erwähnt. Lediglich sollen auch Texte und Folien auf eCampus, bzw. sciebo verfügbar gemacht werden. Eine Vorlesung kann dies aber nicht ersetzen.
 
Dass in einem verlinkten Artikel des Datenschutzbeauftragten von Einstellungen, die Zoom vermeintlich “sicher” machen sollen geschrieben wird, zeigt, dass auch diesen Stellen die Gefahr durch Zoom verschleiern wollen, oder nicht verstanden haben, dass einem Anbieter, der seine Nutzer über die Verschlüsselung belügt, nicht vertraut werden kann. Auch können diese angeblich “sicheren” Einstellungen die Zweifel von Jurist*innen, dass ZOOM überhaupt DSGVO-konform von in der Bundesrepublik ansässsigen Unternehmen und öffentlichen Institutionen verwendet werden kann, da Zoom in seinen Verträgen ausschließt, dass es Vor-Ort-Kontrollen der Datenschutzrichtlinien gibt (5), nicht ausräumen.
 
Informationspolitik von Seiten der Universität
 
Auch die Informationspolitik von Seiten universitärer Stellen reicht häufig nur zum Kopfschütteln. Die FAQ der Philosophischen und Juristischen Fakultät enthalten nur spärliche Informationen über die konkrete Durchführung des kommenden Semesters. Die Juristische Fakultät empfiehlt die Nutzung von Zoom, ohne dabei auf die Bedenken des Datenschutzes einzugehen.
 
Auf der FAQ-Seite der Universität gibt es neben den bereits erörterten Problemen mit Zoom weitere bedenkliche Inhalte. So räumt die Universität zwar ein, dass es keine Pflicht zur Absolvierung einer Online-Prüfung gebe, erklärt aber gleichzeitig, dass es auch kein Recht auf eine Präsenzprüfung gebe. Wer aus nachvollziehbaren Gründen keine Prüfung über Zoom oder andere Online-Medien ablegen möchte, kann also keine Prüfungsleistung im kommenden Semester ablegen, was gleichbedeutend mit der Verlängerung des Studiums ist. Im Link der Mail vom 14. April erklärt die Uni allerdings, dass momentan noch gar nicht geklärt sei, ob der Einsatz von Zoom bei mündlichen Prüfung überhaupt möglich ist. Wir haben da unsere Zweifel.
 
Gerade für Studierende mit Kind stellt das kommende Semester eine weitere Belastung dar. Da noch nicht abzusehen ist, ob und wann Kitas und Grundschulen ihren regulären Betrieb wieder aufnehmen, müssen Studierende davon ausgesehen, dass sie ihre Kinder zum Semesterstart den Tag über betreuen müssen. Sollten Studierende auf Grund der aktuellen Lage keine oder nur eingeschränkte Möglichkeiten haben, am Online-Lehrbetrieb teilzunehmen, empfiehlt die Universität die Inanspruchnahme eines Urlaubssemesters, was ebenfalls zur Verlängerung des Studiums führt.
 
Zwar gibt es vereinzelt Vorlesungseinheiten, die aufgezeichnet und auf eCampus hochgeladen worden sind, allerdings bittet die Universität im FAQ ihre Lehrenden, eben dies nicht zu tun und auf Sciebo auszuweichen. Uns drängt sich der Eindruck auf, dass eine flächendeckende Aufzeichnung der Vorlesungen nicht gewünscht ist. Da es also anscheinend nicht der Normalfall sein soll, dass Vorlesungen aufgezeichnet werden, besteht für Studierende mit Kindern auch nicht die Möglichkeit die Vorlesungen zu einer passenden Zeit anzuschauen.
 
Wir können durchaus einige Bedenken, vor allem von Lehrkräften verstehen, die ungern ihr geistiges Eigentum und sich selber dauerhaft im Netz verbleiben sehen wollen. Eine aufgezeichnete Vorlesung würde neben den bereits genannten aber noch weitere Vorteile bringen. Wenn nicht alle gleichzeitig auf den Live-Stream zugreifen wollen, bricht das System auch nicht so schnell zusammen. Es bleibt also spannend und offen, ob es zu flächendeckenden Aufzeichnungen von Vorlesungen kommen wird.
 
Die Universität beschreibt in ihrem FAQ für Studierende drei Beispiele, weswegen es nicht möglich sein könnte, am Online-Lehrbetrieb teilzunehmen. Neben Kinderbetreuung und fehlendem, adäquaten Internetzugang (Studierendenwohnheime) listet die Universität außerdem „Bedenken hinsichtlich der informationellen Selbstbestimmung“ auf. In Anbetracht der mit keinem Wort angesprochenen Vorwürfen gegen Zoom empfinden wir diesen Passus als reinen Hohn gegenüber Studierenden, die ungern Pornobilder sehen wollen, während sie eigentlich gerade lernen möchte.
 
Bezüglich BAföG-Problemen, die durch eine Corona-bedingte Verlängerung des Studiums entstehen könnten, verweist die Universität lediglich auf die Bemühungen der Bundesländer sich gegenüber der Bundesregierung für „flexible Regelungen“ einzusetzen. Zwar zeichnen sich wohl tatsächlich studierendenfreundliche Regelungen ab, wir würden uns von unserer Universität aber trotzdem wünschen, dass sie sich deutlich für die Forderungen nach studierendenfreundlichen Regelungen ausspricht, um ihren Studierenden damit in der öffentlichen Diskussion den Rücken zu stärken.
 
Da die letzten Jahre offensichtlich nicht dafür genutzt worden sind, eine nachhaltige IT-Infrastruktur zu errichten, von der die Universität und vor allem die Studierenden auch abseits des Lockdown profitieren könnten, muss nun auf Biegen und Brechen verteidigt werden, was nicht zu verteidigen ist. Durch das nahezu geräuschlose Festhalten an Zoom soll verschleiert werden, dass es der Universität ohne Nutzung eines gefährlichen Drittanbieters keinesfalls möglich ist, die Durchführung des Lehrbetriebs ansatzweise zu gewährleisten. Durch die Untätigkeit der letzten Jahre muss der Lehrbetrieb nun auf Kosten der Sicherheit von Studierenden und Lehrenden durchgeführt werden, um somit den Totalschaden für das Ansehen der Universität abzuwenden.
 
Die Probleme, die nun auftreten, sind nicht alle Corona-bedingt. Natürlich konnte niemand mit solch einem Lockdown und mit der Notwendigkeit des sofortigen Umstiegs auf Online-Lehre rechnen. Allerdings zeigen sich durch die jetzige Ausnahmesituation eklatante Misstände, die auch schon vor Corona relevant waren und Zeugnis vom Stellenwert der IT-Infrastruktur der Universität ablegen. So sollen die Kapazitäten des Hochschulrechenzentrums nicht mal ausreichen, um die Nutzung von eCampus durch alle Studierenden zu gewährleisten, weswegen die Universität ihre Lehrenden auch bittet, aufgezeichnete Videos nicht auf eCampus hochzuladen.
Wir befürchten, dass die Universität lieber viele, verstreute Probleme bei der Durchführung des Lehrbetriebs in Kauf nimmt, als einzuräumen, dass man für das kommende Semester schlichtweg nicht ausgerüstet ist. Entfallen jede Woche vereinzelt Veranstaltungen, weil die technische Durchführung nicht möglich ist, fällt dies weniger auf als eine realistische Betrachtung der Gesamtlage.
 
Dass es auch im Ausnahmezustand durchaus anders geht, beweist ein Blick in andere Städte. Universitäten wie die HU Berlin (6) oder die Universität Würzburg (7)informieren auf ihren Homepages deutlich umfänglicher u.a. über die Nutzung und die technischen Prozesse bei der Nutzung von Zoom sowie über Stellungnahmen von Zoom zu Vorwürfen und über noch ausstehende Stellungnahmen. Auch erklärt z.B die HU welchen Browser man benutzen sollte, wenn man Zoom nutzen muss (Chrome). Wenn auch die Nutzung von Zoom für den Lehrbetrieb durch die HU immer noch unverantwortlich gegenüber den Studierenden ist, zeigt die HU zumindest einen Willen ihre Verantwortung wahrzunehmen. So einen Willen vermissen wir in Bonn. Besser macht es z.B. die Universität Köln (8), die mit wirecast über eine sicherere Software als Zoom zumindest verfügt oder die LMU in München (9), die ihren Studierenden sogar einen eigenen Streamingdienst anbieten kann.
 
Was zu tun ist:
 
Wir sind uns natürlich bewusst, dass es für alle und damit auch für die Universität eine noch nie dagewesene Situation ist. Trotzdem gibt es einige Aspekte, die durchaus besser durchführbar sind. Für uns sind das:
 
– Vermeidung von Zoom und Umstieg auf Alternativprogramme wie bigbluebutton oder jitsi.
– Bessere Informationspolitik über die Gefahren von Zoom und über die Durchführung des Semesters.
– Ermöglichung der zeitversetzten Teilnahme an Vorlesungen.
– Das Sommersemester soll nicht als Fach- und Hochschulsemester gezählt werden.
– Unterstützung von studierendenfreundlichen Regelungen bzgl. BAföG, Kindergeld etc.
– Einrichtung eines ULB-Scan-Dienstes auch für Bachelorarbeiten.
– Ausreichende Zugänglichmachung von Literatur für alle Lehrveranstaltungen.
– Langfristiger Aufbau einer eigenen Streaminginfrastruktur und Ausbau der Serverkapazitäten im HRZ.